Reimar Gilsenbach

Erinnerungen zu den Brodowiner Gesprächen

Die Brodowiner Gespräche waren Zusammenkünfte von Schriftstellern und einigen Künstlern aus benachbarten Bereichen mit Leuten, die in irgendeiner Weise Umweltexperten waren. Da waren Wissenschaftler, aber auch Leute aus den großen Betrieben und Funktionäre aus dem Staat oder vom Kulturbund dabei. Aber das Wesentliche war die Literatur. Leute, die selbst schreiben, waren die wichtigsten Teilnehmer. […]

Mir schien immer schon, dass man das Verhältnis des Menschen zur Natur nicht nur rationell bewerten kann. Die Wissenschaftler sagen immer nur: „Also gut, es ist irgendetwas schiefgelaufen, aber so und so können wir das in den Griff bekommen und dann funktioniert das.“ Während jemand, der mehr von einem ethischen Anliegen aus herangeht, immer auch nach der Moral fragt. Geht das? Darf man das? Kann man das verantworten? Können wir das auch vor künftigen Generationen verantworten, auch gegenüber der Natur selbst? Das ist etwas ganz Anderes als das rationelle Verhältnis. Ein Schriftsteller, vor allem der Belletrist, reflektiert Natur auf seine Weise. Das ist eine künstlerische Sicht und die unterscheidet sich von der wissenschaftlichen Sicht. Ich hielt es für notwendig, dass man diese Seite mit einbringt, damit das Verhältnis zur Natur nicht mehr so einseitig ist. Ich habe das im Schriftstellerverband versucht, aber ich kam da nicht durch. Es gab zwar schon ein paar Schriftsteller, die merkten, dass das Mensch-Natur-Verhältnis ein wichtiges Thema war. Aber es hat sich in der Literatur erst spät entwickelt. […] Und so hatte ich zwar Akzeptanz bei ein paar Schriftstellern, aber nicht beim Schriftstellerverband. Da habe ich auf eigene Faust die beiden ersten Brodowiner Gespräche gemacht. […]

 

Die Gespräche liefen dann nicht mehr in Brodowin, sondern wir gingen jedes Mal in irgendeine Landschaft, die von der Sache her interessant war. Wir waren im Braunkohlengebiet, wir waren in den Ost-Erzgebirgswäldern, wir waren im Talsperrengebiet im Ost-Harz. Es war jedes Mal eine Exkursion dabei und ein paar Experten haben vorgestellt, was in der Landschaft, beispielsweise in der Braunkohle, an Landeskulturellem geschah. Es waren aber auch immer literarische Themen dabei. Ich habe immer ein bisschen darum kämpfen müssen, weil man immer dazu neigte, eine richtige Tagung daraus zu machen, vollgepflastert mit Themen. Ich war immer dagegen. Ich habe gesagt: „Wir brauchen viel Zeit, um auch miteinander zu sprechen. Die Schriftsteller müssen sich einfach untereinander austauschen. Das Gespräch ist wichtig.“ Deswegen habe ich das auch immer Brodowiner Gespräche genannt und nicht Konferenz oder Symposium oder dergleichen.

Es war also immer Literatur dabei und wir haben auch immer eine Veranstaltung für die Öffentlichkeit gemacht. Nicht alle Schriftsteller, sondern ein paar haben eine Lesung gemacht, entweder in einer nahegelegenen Stadt oder auch mal vor Studenten – je nachdem. Als wir uns in Wustrow an der Ostsee trafen, waren es dann vorwiegend Ferienleute, die dort waren.

Es war wichtig, dass wir uns als Schriftsteller öffentlich machten. Was nie gelang, war, dass wir in die Medien hinein kamen, denn auf diesen Brodowiner Gesprächen ist immer sehr kritisch gesprochen worden. Die Schriftsteller haben überhaupt kein Blatt vor den Mund genommen und ein paar Wissenschaftler auch nicht. Aber ich muss sagen: ein paar. Die Mehrzahl der Wissenschaftler und auch der Betriebsleute hat immer versucht abzublocken. Es gab von Anfang an Kritik an dieser schrecklichen Geheimhaltung der Umweltdaten. Eine der irrsinnigsten Sachen und überhaupt nicht zu begreifen, warum das gemacht wurde, warum es dermaßen hochgespielt wurde. Es wurde dann zu einem ganz großen Politikum. Die Schriftsteller waren immer dagegen und haben immer Offenheit verlangt.

Man sprach in verschiedenen Sprachen. Die Mehrzahl der Wissenschaftler und Betriebsleute – oft stellvertretende Kombinatsdirektoren, es ging ja recht hochrangig zu – verstanden die Schriftsteller zunächst einfach gar nicht, wenn die redeten. Das Ganze endete meist mit Betroffenheit auf beiden Seiten. Die Betriebsleute, zum Teil ziemlich hart gesottene Typen, waren doch ein bisschen verwirrt und betroffen und angerührt von dem, was sie da plötzlich vorgeworfen bekamen. Sie wurden angeregt, die Welt auf eine ganz andere Art zu sehen und über die Welt nachzudenken. Insofern war das heilsam für beide Seiten.

Foto: Regine Auster

Zur Person

geboren 1925, gestorben 2001 in Brodowin

Schriftsteller, Umwelt- und Menschenrechtsaktivist in der DDR

1948 bis 1951 Journalist der Sächsischen Zeitung in Dresden; ab 1951 bis 1961 Redakteur der Zeitschrift Natur und Heimat in Berlin, seit 1959 deren Chefredakteur; ab 1962 freischaffender Schriftsteller; 1975 Umzug nach Brodowin

Mitglied im Romani P.E.N. und im Schriftstellerverband der IG Medien

Erwin-Strittmatter-Preis für Umwelt-Literatur des Landes Brandenburg 1994; Hugo-Conwentz-Medaille des deutschen Naturschutzes 2000

Literatur zum Weiterlesen

Gilsenbach, R.: Wer im Gleichschritt marschiert, geht in die falsche Richtung. Ein biografisches Selbstbildnis. Berlin 2004.