Martin Görner

Erinnerungen zum Artenschutz

Artenschutzbelange spielten zu dem damaligen Zeitpunkt noch nicht die Rolle, das kam viel später. Allerdings traten bei der Bearbeitung der Naturschutzgebiete auch immer wieder Artenschutzprobleme hinzu, welche dann ebenfalls bewältigt wurden. Auch bei der Inventarforschung, die in den unterschiedlichen Naturschutzgebieten gemacht worden ist, wurde die Grundlage gelegt, um den Artenschutz als eigenen Forschungsbereich auszubauen. Wobei nach den Strukturen des Institutes der Schwerpunkt der populationsökologischen Forschung mehr im Norden, besonders in der Arbeitsgruppe in Greifswald, gelegen hat und erst nach bestimmten Abstimmungen mit der Zentrale in Halle ein Teil meiner Arbeitszeit und Arbeitskraft dann für die Populationsökologie zur Verfügung gestellt wurde.

Wie müssten optimal gestaltete Ufergehölze strukturiert sein? Welche Tiere besiedeln welche Strukturen und welche nicht? Was sind dabei die wesentlichen Kriterien? Das waren Forschungsthemen, mit denen ich mich zu beschäftigen hatte. Auch Fische spielten eine Rolle, wobei ich fischereibiologisch nie tätig geworden bin, aber ich habe mich mit vielen Fischereibiologen darüber ausgetauscht. Wir haben auch Daten gewonnen, welche Fischarten vorhanden waren. Mein Arbeitsschwerpunkt bezog sich immer auf die Besiedlung unterschiedlicher Habitatstrukturen durch Vögel und Säugetiere, was bis heute anhält. [...]

Das Hauptproblem für den Artenschutz war damals die stürmische Entwicklung in der Landwirtschaft, die Meliorationsmaßnahmen, die ja manchmal gigantische Züge trugen. Von uns wurde natürlich gesagt, dass viele Dinge aus wissenschaftlichen oder aus landschaftsökologischen Gründen nicht möglich und nicht zu verantworten sind. Es gab genügend Wissenschaftler, auch innerhalb des ILN, die das deutlich gesagt oder geschrieben haben.

In den Mittelgebirgen hatte gerade in Thüringen ein enormer Wandel stattgefunden. Grünland wurde bis in die hohen Lagen hinein umgebrochen, viele Bäche verrohrt oder begradigt. Dies war mit Gigantomanie verbunden. Natürlich haben sich die Bäche in Gefällestrecken, obwohl sie in Betonrohre gelegt wurden, längst wieder des Tageslichtes bemächtigt und sich wieder aus der Zwangsjacke befreit. Die veränderte Landnutzung war eine ziemlich Herausforderung, die mit den Naturschutzbelangen natürlich ganz eng verknüpft war und heute noch ist. [...]

Unsere Forschungen waren immer langfristig angelegt. Am Uhu forsche ich nun über 40 Jahre und kann jetzt sagen, was eigentlich das Wesentliche und das Nichtwesentliche ist. Als die Frage gestellt wurde, wie alt eigentlich ein Uhu unter den Bedingungen dieser Kulturlandschaft wird, gab es darüber keine Kenntnis. Da habe ich gesagt, man müsse die Uhus beringen. Führende Ornithologen der DDR waren ganz massiv dagegen, weil das ja ein Eingriff, eine Störung, in den Uhu-Beständen ist. Das könnte man nicht hinnehmen, der Schutz wäre viel wichtiger. Damit war auch eine Todesursachenforschung letztlich unmöglich, da ich nicht wusste, woher die Tiere stammen und wie alt sie sind. Deshalb versuchte ich, und das war nicht ganz einfach, namhafte Zoologen der DDR davon zu überzeugen, dass man Uhus beringen muss. Als sich dann abzeichnete, dass es sich um eine langlebige Art handelte, habe ich damals argumentiert, dass man, wenn wir mal davon ausgehen, dass ein Uhu zwischen 10 und 16 Jahre lebt, die Forschung mindestens auch für einen Zeitraum von 15 Jahren ansetzen muss, um wenigstens eine Generation durchzuspielen. Noch besser wäre es, wenn man nach dem damaligen Kenntnisstand zwei Generationen, also 30 Jahre lang, untersuchen würde. Wenn ich mir vorstelle, ich würde heute an eine Stelle den Antrag stellen, so eine Forschung 30 Jahre lang machen zu wollen! Jetzt leidet unsere ganze Forschung ja unter Kurzfristigkeit.

Zur Person

geboren 1943

Lehre als Metalldrücker im VEB „Carl Zeiss“, danach dort und beim Rat der Stadt Jena beruflich tätig; 1968 bis 1991 Mitarbeiter im Institut für Landschaftsforschung und Naturschutz, Zweigstelle Jena; zwischenzeitlich Fernstudium an der Forstschule Schwarzburg/Thür. mit Abschluss als Forstingenieur; ab Ende 1991 bis heute Büro für Landschaftsökologie, Natur- und Artenschutz in Jena

von 1962 bis 1971 Naturschutzbeauftragter des Kreises Jena-Stadt und von 1970 bis 1976 Naturschutzbeauftragter des Bezirkes Gera; Mitbegründer der Arbeitsgruppe Artenschutz für die thüringischen Bezirke bzw. der Arbeitsgruppe Artenschutz Thüringen; langjährige ehrenamtliche Tätigkeit in Naturschutzfachgruppen