Erich Hobusch

Erinnerungen zur Nationalparkdiskussion in der DDR Ende der 1950er Jahre sowie zum Müritz-Seen-Park

So ab 1957 bis 1960 spielte das internationale Gedankengut eine Rolle, das heißt die Frage, wie sich der DDR-Naturschutz, die DDR-Naturschutzgebiete an die internationalen Bedingungen anpassen können. Wir hatten damals das Glück, dass die IUCN in der Schweiz mit dem Herrn Cerovsky aus Tschechien besetzt war und er oft ans Ostufer kam und auch die Kontakte mit Kretschmann nutzte. Müritzhof war ja die erste Lehrstätte für Naturschutz in Europa, wenn nicht sogar in der Welt. Hinzu kam, dass Alfred Toepfer in der Lüneburger Heide mit dem Naturparkprogramm große Ideen hatte. Henry Makowski war als Assistent bei ihm und sie waren natürlich auch an der Müritz. Helmut Drechsler als Naturfilmer, Makowski und Karl Behrend aus Buckow als Filmer waren mit dabei und wir diskutierten, wie man das Ostufer der Müritz weiter voranbringen kann. Da gab es natürlich zuerst, wie Kretschmann und Bartels es schon vertraten, den Naturpark-Gedanken. Dazu sagten wir: „Naturpark geht nicht. Naturpark bringt nichts, ist Westdeutschland. Das können wir nicht!“ Als nächstes Thema standen die Vorschläge von Kretschmann zu Nationalparks, die kleine DDR soll zu 3 Nationalparks werden. Dann kam Reimar Gilsenbach hinzu. Er war ja Chefredakteur der Zeitschrift „Natur und Heimat“ und mit dem haben wir besprochen, dass zur Naturschutzwoche 1958 ein Müritz-Heft dazu erscheinen sollte. Ich hatte bereits die Geschichte vom Wasser und ein paar Beiträge verfasst, Schmidt vom Institut seine Beiträge und so weiter. Ich musste dann nochmal zur Redaktionssitzung zu Gilsenbach. Dort haben wir diskutiert, was wir nun als Überschrift nehmen wollten: „Seen-Nationalpark-der DDR“ – kriegen wir nirgendwo durch, noch nicht einmal für die „Sächsische Schweiz“. Wir brauchen einen neuen Begriff. Ich sagte: „Und wenn wir nun bloß einen Müritz-Seen-Park daraus machen?“ Ein großes Landschaftsschutzgebiet war es ja, Biosphärenreservate gab es damals noch nicht. So ist der Begriff ganz schnell entstanden, hier in Berlin am Redaktionstisch von Gilsenbach, damit auch der Leitgedanke für das Naturschutzforum zur Naturschutzwoche 1959 in Waren: „Einrichtung des Müritz-Seen-Parks“. Doch das Heft erschien erst als Mai-Ausgabe 1960.

In dem Heft wurde schon mit erwähnt, dass die Großschutzgebiete durch Planung zu Erholungsgebieten zu entwickeln sind. Das passierte damals (1959/1960) schon vor dem Hintergrund, dass wir in der DDR größere Erholungsgebiete schaffen mussten, damit die Leute sich innerhalb der DDR erholen können und nicht ins Ausland reisen brauchen.

In dem Zusammenhang ist dieser Bereich, Großschutzgebiete als Erholungsgebiete zu planen, entstanden. Das war nun ein idealer Ansatzpunkt, einen Müritz-Seen-Park zu errichten. Die Verwirklichung sah nachher natürlich ganz anders aus.

Parallel zu meinen Gedanken hat Kretschmann im November 1958 mit Professor Rühle nochmals einen Antrag formuliert. Dieser ging noch in Richtung Seen-Nationalpark. Nachdem im „Plan: Bezirksökonomie“ dies abgestimmt wurde, blieb es aber bei der Bezeichnung: „Müritz-Seen-Park“. So fand der Gedanke „Müritz-Seen-Park“ als großes Erholungsgebiet seine Mehrheit und ist so auch in die Öffentlichkeit und von der politischen Seite befürwortet worden. Der Rat des Bezirkes Neubrandenburg wurde beauftragt, diese Arbeit zu koordinieren. Als Museumsdirektor war ich Mitglied in der „Ständigen Kommission Kultur“ beim Bezirk und dort wurde eine Unterarbeitsgruppe „Müritz-Seen-Park“ gebildet, die ich als Sekretär im Auftrag der Bezirksverwaltung geleitet habe. Damit hatten wir gleichzeitig auch die Abgeordneten und die politische Koordinierung vereint. Das war natürlich ein tolles Ergebnis, dass man damit die einzelnen Phasen für den Müritz-Seen-Park auch staatlich absichern konnte.

Im August 1961 dann die Mauer. Es musste schnell gehandelt und versucht werden, durch eine straffere Leitung und Koordinierung die Erholungsbedingungen innerhalb der DDR zu verbessern. Mit Olaf Festersen von der Stadt- und Dorfplanung haben wir gemeinsam kritische Auseinandersetzungen geführt, was an der Müritz alles katastrophal noch passiert. Nach dieser grundlegenden Analyse sind wir zu dem Punkt gekommen, dass eine staatliche Leitung geschaffen werden muss. Die erste Phase war dazu eine zentrale Zeltplatzverwaltung, die nach Waren kam. Das Planungsbüro in Neubrandenburg wurde beauftragt, die Erholungsplanung weiterzuführen. Dort gab es eine ständige Arbeitsgruppe, es wurde eine hauptamtliche Mitarbeiterin eingesetzt. Das ging alles ungefähr bis 1963 und dann kam der große Schnitt und alles fiel in sich zusammen. Leider kann ich nicht sagen, was die eigentlichen Ursachen waren. […]

Dankenswerter Weise hat das Institut in Greifswald 1966 nochmal zusammengefasst, was aus dem Müritz-Seen-Park eigentlich werden sollte. Dabei zeigte sich auch, dass kein gesellschaftliches Interesse mehr bestand. Der heutige Nationalpark hat 1989 natürlich bessere Voraussetzungen gehabt, diese Großschutzgebiete mit einzubeziehen. Es ist ja eigentlich unlogisch, das Serrahner Gebiet und den Truppenübungsplatz von Neustrelitz mit dem Müritz-Nationalpark zusammenzufassen. Das ist ja ein willkürliches Gebiet, also eigentlich keine geographische Einheit, besaß aber beste Voraussetzungen, um ein Großgebiet als Nationalpark zu schaffen. Weder die Geschichte von Serrahn noch die des Ostufers der Müritz wurden bisher interpretiert. Hubert Weber hat als BNB für sein Serrahner Gebiet sehr viel erreicht und hat dort als Alleinherrscher eigentlich die Grundlagen für die großräumigen NSG geschaffen. Heute scheint alles eine Errungenschaft des Nationalparks zu sein, dies sehe ich aus historischer Sicht als nicht exakt begründet an. Ohne die damaligen Bemühungen, die Landschaft an dem Ostufer der Müritz zu erhalten, hätten niemals ein Nationalpark entstehen können. Dem Nationalpark ist zu wünschen, dass er diese gute Entwicklung, die er jetzt genommen hat, weiter fortführen kann.

Zur Person

geboren 1927 in Gröbzig/Anhalt, gestorben 19.12.2013 in Berlin

Lehre als Bankkaufmann; ab 1946 Lehrerausbildung in Köthen, später Hochschulfernstudium an der Pädagogischen Hochschule Potsdam (Fachlehrer für Geographie); 1947 bis 1956 Lehrer in Burg; ab 1949 ehrenamtlicher Leiter des Schul- und Heimatmuseums Burg; 1956 bis 1963 Museumsdirektor in Waren/Müritz; 1963 bis 1970 wissenschaftlicher Mitarbeiter im Rat für Museumswesen der DDR; 1970 bis 1980 leitender Mitarbeiter für Erholungswesen beim Rat des Stadtbezirks Berlin-Köpenick, ab 1980 freischaffender Sachbuchautor

Kreisnaturschutzbeauftragter (KNB) Kreis Burg 1952 bis 1956; KNB Kreis Waren/Müritz 1957 bis 1964; KNB Berlin-Köpenick-Nord 1977 bis 1990; 1949 bis 1957 ehrenamtlich erster Vorsitzender der neu gebildeten Kreiskommission der Natur- und Heimatfreunde im Kulturbunde zur demokratischen Erneuerung Deutschlands in Burg; Mitglied der Zentralen Arbeitsgruppe „Jugendarbeit“ bei der Zentralen Naturschutzverwaltung der DDR

Literatur zum Weiterlesen

Hobusch, E.: Mehr als nur Erinnerungen! - 40 Jahre ehrenamtlicher Naturschutz. In: Institut für Umweltgeschichte und Regionalentwicklung e.V. (Hg.): Naturschutz in den Neuen Bundesländern - Ein Rückblick. Berlin 2001: 533-546.

Hobusch, Erich. In: Institut für Umweltgeschichte und Regionalentwicklung e.V. (Hg.): Lexikon der Naturschutzbeauftragten. Band 3: Naturschutzgeschichte und Naturschutzbeauftragte in Berlin und Brandenburg. Friedland 2010: 641-648.