Heinz Quitt

Erinnerungen zum Naturschutz im Harz

Während der Abschottung des Brockens war ich öfter auf der Brockenkuppe als später. Mein Arbeitsgebiet reichte vom Harzrand bis zum Brocken. Dadurch hatte ich auch ständig Kontakt zu den Grenztruppen. Wir haben versucht, die Beeinflussung auf ein Minimum zu beschränken, konnten aber nicht alle Schäden verhindern. So sollte der Brockengarten zum Hubschrauberlandeplatz werden. Anfänge wurden mit ersten Schottertransporten gemacht, als mich der Chef der Pioniereinheit informierte. Ich habe mich mit dem Bezirk in Verbindung gesetzt, von da kam aber keine Reaktion. Deshalb habe ich mit dem Regimentskommandeur gesprochen und ihm die Bedeutung des weit über die DDR hinaus bekannten und ältesten der Alpengärten vorgestellt. Seine Reaktion war erst ein na ja, mal sehen, das Ergebnis aber die Erhaltung des alten Zustandes. Es war zwar keine Pflege des Gartens möglich, aber eine Reihe von alpinen Pflanzen hat durchgehalten und diese Zeit im verwildernden Garten überstanden. Auch die Besatzung der Brockenwetterwarte hat informiert, wenn neue Belastungen erkennbar wurden. So haben wir große Teile der Mattenflächen des Brockens erhalten können, nur beeinflusst durch die Ringmauer, die die Brockenkuppe umgab. Interessanterweise sind aber die erwarteten deutlichen Veränderungen der Flora innerhalb der Mauer nicht eingetreten.

Der Brockengarten konnte 1990 sein 100 jähriges Jubiläum begehen. In Vorbereitung dieses Termins haben wir Mitte 1989 zusammen mit dem Botanischen Institut in Halle erreicht, dass ein Pflegeprogramm erarbeitet werden konnte, das auch von den Grenztruppen mit getragen wurde. In diese Zeit fielen aber die Wende und die Öffnung des Brockens. Da musste die Sicherung der Brockenmatten Vorrang haben. Ich habe Waldarbeiter zum Brocken geschickt, die längs der Wege Handläufe montiert haben, um eine Lenkung der Besucher zu erreichen. Und – Gott sei Dank – hat der Mensch ja irgendwie einen Herdentrieb, der Erhalt der Flächen konnte gesichert werden.

Unmittelbar vor und nach der Wende gab es viele Bestrebungen zur Vermarktung des Hochharzes, die verhindert werden mussten. Dass das Gebiet als NSG seit über 50 Jahren geschützt war, interessierte niemand mehr, die DDR-Gesetze wurden einfach ignoriert. Für die Forcierung des Nationalparkprogramms im Harz war das entscheidend, bestand darin doch die Chance, solche Angriffe auf die Natur erst einmal auszuschalten. Ich habe mich anfangs gegen einen Nationalpark im Harz ausgesprochen, mein Ziel war ein Biosphärenreservat. Der Harz ist seit 1.000 Jahren ein intensiv vom Menschen genutztes Gebiet. Er war Jahrhunderte von der Montanindustrie völlig beherrscht. Der ganze Harzwald wurde bis auf einige hundert Hektar am oberen Brocken und im Bruchberggebiet für die Holzkohleproduktion zur Versorgung der Hütten genutzt. Wir haben bis in die oberen Lagen des Gebirges Kohlenmeilerplätze. Eine intensive Mittelwaldwirtschaft, teilweise auch Niederwald war für die Laubholzanteile bestimmend, die sich natürlich ausbreitenden Fichten wurden als Stangenholz genutzt. Es gibt eine Aussage eines Forstbeamten aus dem 16. Jahrhundert, dass „nicht mehr so viel haubare Bäume vorhanden sind, als dass sie ausreichen würden, die Forstbedienten daran aufzuhängen“. Das bedeutet aber nicht, dass der Harz keinen Wald mehr hatte, aber es war eben eine Niederwaldwirtschaft. Das bedeutet aber auch eine Veränderung der Baumartenstruktur von der nicht ausschlagfähigen Buche zu Birke, Ahorn, Hasel usw.. Und deswegen sind die Harzwälder keine wirklich natürlichen Wälder mehr. Alles, was wir jetzt haben und als naturnah betrachten, sind nach 1800 entstandene Kunstwälder. Ganz wenige Buchen- und Eichenwälder sind erhalten geblieben, meist auf Extremstandorten, deren Nutzung nicht möglich war, sie sind fast alle NSG. Dann kamen aber Bedenken auf, es lief alles auf die Wiedervereinigung hin und das Naturschutzgesetz der BRD kannte kein Biosphärenreservat. So kam es zum Nationalpark – ein stabiler Schutzstatus war letztendlich entscheidend. [...]

Den Nationalpark betrachte ich nach wie vor als Notlösung. Ehe das Ziel „natürliche Waldstrukturen“ im Harz erreicht wird, vergehen noch Jahrhunderte. Ich amüsiere mich immer über Nationalparkmitarbeiter, die auf ihre Renaturierungserfolge stolz sind. So sind vor einiger Zeit als Folge einer Borkenkäferkalamität große Kahlflächen entstanden, über die viel diskutiert wurde. Eine lag unmittelbar über Ilsenburg, die die Einwohner nun jeden Tag vor Augen hatten. Jetzt freuen sich Nationalparkmitarbeiter über eine beginnende natürliche Wiederbewaldung. Aber was da wächst, ist ein Anflug von Birke und Fichte und ein paar Ebereschen, ein Vorwaldstadium, das sicher zum ungewollten Fichtenwald führen wird. Das eigentliche Ziel des Nationalparks dort, den schnellen Umstieg auf natürliche Laubwaldgesellschaften, ist in weite Ferne gerückt. Mir gefällt am Nationalparkprogramm nicht, dass die Handlungsfreiheit, den Übergang zu naturnahen Strukturen aktiv zu unterstützen, doch stark eingeschränkt ist. Im Nationalparkgesetz hat man festgelegt, sofort über 50 % der Fläche aus jeder Beeinflussung zu nehmen, damit ist man auf die natürliche Entwicklung angewiesen, und die Natur hat Zeit, sehr viel Zeit.

Zur Person

geboren 1928 in Tröbsdorf bei Weimar

Studium der Forstwissenschaften an der Forstlichen Fakultät der Humboldt-Universität in Eberswalde

1953 bis 1956 Tätigkeit als Oberförster in den StFB Güstrow und Genthin; 1957 bis 1963 Mitarbeiter in der Abteilung Forstwirtschaft des Rates des Bezirkes Magdeburg; 1964 bis 1990 Oberförster im StFB Wernigerode, Oberförsterei Ilsenburg; 1991 bis 1993 Forstamtsleiter Forstamt Ilsenburg; seit 1993 Rentner

Bezirksnaturschutzbeauftragter Bezirk Magdeburg 1963 bis 1988. Vorsitzender des BFA Landeskultur und Naturschutz Magdeburg 1960 bis 1986; langjährige Mitarbeit im BFA Dendrologie und Gartenarchitektur; Gründungsmitglied des ZFA Naturschutz in der GNU; Gründungsmitglied der Gesellschaft zur Förderung des Nationalparks Harz

Literatur zum Weiterlesen

Quitt, Heinz. In: In: Institut für Umweltgeschichte und Regionalentwicklung e.V. (Hg.): Lexikon der Naturschutzbeauftragten. Band 2: Sachsen-Anhalt. Friedland 2006: 258-260.