Reimar Gilsenbach

Erinnerungen zur Entstehung von Umweltgruppen in der DDR

Auch aus meiner Bekanntschaft mit Havemann und Biermann her herrschte immer das Prinzip, so offen wie möglich zu sein. Jeder, der mitschneiden wollte, konnte mitschneiden bei uns in unserem Programm. Ich habe immer gesagt: „Macht also. Nehmt alles auf. Es ist besser, Ihr hört es, als dass falsche Auffassungen darüber kommen, was wir vielleicht noch drauf haben.“ Und dieses so öffentlich sein wie nur irgend möglich war zugleich eine Art Schutz.

Wir sind dann fast nur noch in Kirchen aufgetreten. In den letzten Jahren waren wir auf jedem Kirchentag mit diesen Liedern, immer von diesen Öko-Gruppen eingeladen, die in der Kirche waren. Das haben sie mir natürlich im Kulturbund und erst recht in der Partei furchtbar übel genommen. Bloß, wenn man es eben machte – machte man es. Aber das konnte ich, weil ich freischaffend war. Wenn ich angestellt gewesen wäre, nicht. Im Betrieb zermürbten sie die Leute. [...]

Also die interessanteste Phase in der DDR-Geschichte war sicher die letzte, diese eigentliche Umbruchphase. Da bildeten sich überall Ökogruppen aller Art, zum Teil im Kulturbund, da wurden sie aber mit äußerstem Misstrauen gesehen. Caspar war ja einigermaßen wohlwollend, aber zum Beispiel für Fiedler waren die ein Gräuel. Kritik am Zustand der Natur wurde aufgefasst als Kritik am Staat. In diesen Gruppen sammelten sich natürlich auch Leute, die die Ökologie überhaupt nicht interessierte, sondern die nur den Staat kritisieren wollten. Also es war beides darin. [...]

Das war eine ungemein lebendige Phase und es entstand dabei so etwas wie Basisdemokratie. Es wurde heftig gestritten und es wurde auch miteinander gekämpft. Die Partei versuchte noch immer, das zu unterdrücken. Die Stasi stufte das als „feindlich negativ“ ein und beobachtete das alles – was wir erst nachträglich erfuhren. Gleichzeitig explodierte das geradezu.

Foto: Regine Auster

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