Dr. Lebrecht Jeschke

Erinnerungen zum Nationalparkprogramm

Ich bin, was diese Zeit 1989/90 betrifft, ein schlechter Zeitzeuge. Ich habe gelegentlich Tagebuch geschrieben, leider nicht konsequent und nicht jeden Tag. Die Zeit war einfach zu aufregend, um sich abends hinzusetzen und aufzuschreiben, was man gemacht hat. Ich weiß, dass ich im Dezember 1989 in Eberswalde bei Succow war. Er hatte schon die Berufung zum Minister in der Tasche und wir redeten natürlich über die aktuellen Ereignisse und wie es weitergehen wird. Er war schon länger Mitglied der Volkskammer und war näher an der politischen Szene. Da fand in der Marienkirche in Eberswalde eine öffentliche Diskussion statt. Wie soll es weitergehen? Es war eine richtig kämpferische Auseinandersetzung. Da traten Frauen und Männer auf, die unter dem DDR-Regime gelitten hatten, denen ihrer Meinung nach Unrecht geschehen war, und klagten das Regime offen an. Und das war eine Spannung, das können Sie sich nicht vorstellen. Man dachte, jetzt stürzt gleich das Gebäude ein. Und da wurde mir bewusst, dass „the point of no return“ überschritten war. Das war nicht mehr zu steuern.

Und wir gingen nach Haus, betroffen und erregt und diskutierten. Und Succow hatte das Nationalparkprogramm schon im Hinterkopf. Im Januar telefonierte ich mit Succow und er sagte: „Ich habe alle Vollmachten. Wir können machen, was wir wollen, was wir für richtig halten. Wir können Schutzgebiete machen, ein Programm und wir können die DDR sozusagen auf den Kopf stellen.“ Mir war damals noch gar nicht bewusst, das ist jetzt erst durch Gespräche so klar ans Licht gekommen, dass Succow als Stellvertreter des Ministers nicht nur irgendeinen untergeordneten Job hatte, sondern im Grunde das Ministerium beherrschte. Der Minister hatte ihm alle Vollmachten gegeben mit den Worten: „Ich habe vieles falsch gemacht, machen Sie es besser.“ [...]

Im Prozess des Nationalparkprogramms fiel mir zunächst die Rolle des Beraters im Hintergrund zu. An den Runder-Tisch-Sitzungen habe ich nicht teilgenommen. Ich saß mit Hannes Knapp in einem Zimmer im Ministerium. Wir diskutierten alle Fragen, ich war gewissermaßen der Ratgeber im Hintergrund. Als ich im Februar ins Ministerium gekommen war, hatte Succow mich beauftragt, die Bezirke an unserer Westgrenze bei der Sicherung wertvoller Naturräume in den nunmehr frei gewordenen Grenzsperrgebieten zu unterstützen. Erst nachdem Succow im Mai 1990 das Ministerium verlassen hatte und die Sicherung der Grenzräume durch die Naturschutzverwaltungen weitgehend abgeschlossen war, war ich stärker in das Nationalparkprogramm involviert.

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