Prof. Dr. Ludwig Bauer

Erinnerungen zur Forschungsarbeit des Instituts für Landschaftsforschung und Naturschutz

Ich habe mich – nachdem ich 1963 die Leitung des ILN übernommen hatte – bemüht, die Arbeit des Instituts mehr in Richtung der übergeordneten Landeskultur, der Landschaftspflege zu entwickeln. Meusel pflegte ja stark den konservierenden Naturschutz. Als uns 1968 die Arbeitsgruppe in Dölzig, Institut für Standortskartierung Berlin des Ministeriums für Landwirtschaft zugeschlagen wurde, habe ich gefordert, dass die Aufgabenstellung von der reinen Fragestellung Wiedernutzbarmachung, Wiederurbarmachung und Rekultivierung von devastierten Standorten des Bergbaus in eine Entwicklung der Kulturlandschaft (Bergbaufolgelandschaft) eingeordnet wird. Das war nicht ganz einfach in der Akademie. 1967 ist Hans Stubbe ausgeschieden. Dann kam Erich Rübensam als neuer Präsident. Stubbe hat immer die Hand über unser Institut gehalten. Das fiel nun weg! Und Rübensam hatte an Fragen der Landeskultur, des Naturschutzes und der Landschaftspflege herzlich wenig bis gar kein Interesse. Er hat auch versucht, uns systematisch in Forschungsvorhaben allein der Land- und Forstwirtschaft einzubringen. Hinzu kam dann ein weiterer Punkt, die wirtschaftliche Rechnungsführung. 1968 wurde in der Akademie die sogenannte wirtschaftliche Rechnungsführung eingeführt. Das heißt, wir mussten den ökonomischen Nutzen unserer Arbeit nachweisen.

Forschungsstruktur des Instituts für Landschaftsforschung und Naturschutz

Nun leisten sie das mal bei der Antragstellung für Forschungsthemen der engeren Naturschutzarbeit, zum Beispiel bei vegetationskundlichen Untersuchungen von Stöcker im Bergfichtenwald im Oberharz. Der war seit Jahrhunderten Ausschlussforst, das waren Urwälder! Da wurde gesagt, dass, auch wenn wir nicht forschen, den Wäldern doch nichts passiert. Wir sollten lieber etwas Nützliches machen. Die Zweigstelle Wiedernutzbarmachung hatte es da leichter. Die konnte sagen, dass sie neue landwirtschaftliche Nutzfläche aus devastiertem Gebiet schafft. Das wurde akzeptiert. Da war es schon schwierig, bei den Bergbaufolgelandschaften die Frage einzubauen, was für den Naturschutz bleibt. Was machen wir mit den Baggerseen? Die Seen waren total versauert, ungeeignet für viele Entwicklungen. Ich habe aber versucht, neben den klassischen Naturschutzfragen oder der Vegetationskartierung oder der Analyse der Schutzgebiete solche Fragestellungen aufzuwerfen. Weinitschke hat das ja auch in dem Sinne weitergeführt. Da ist dann direkt ein Forschungsverbund gegründet worden oder eine Aufgabenstellung Landschaftspflegeparameter. Solche Fragestellungen waren bei Meusel in der ersten Phase eigentlich nicht relevant. Da ging es um Naturschutz im engeren Sinne. Nach der Einführung der wirtschaftlichen Rechnungsführung ging das nicht mehr. Forschungsarbeiten mussten verteidigt werden. Man kriegte als Hauptauftragnehmer die Mittel, war gegenüber dem Ministerium nachweispflichtig und hatte eine ganze Palette von Nachauftragnehmern wie Universitätsinstitute zu betreuen und musste versuchen, diese auf Linie zu bringen. Die wollten auch zum Teil mit Scheuklappen ihre privaten Fragestellungen weiter betreiben. Es war schwierig, denen zu sagen, dass auch etwas herauskommen muss, was für das Ministerium für Land- und Forstwirtschaft von Interesse ist.

Diese Entwicklungen fielen in eine Zeit, in der es in der DDR mit Blick auf die Landschaft grundlegende Veränderungen gab. Rübensams Steckenpferd waren die industriemäßigen Methoden in der Land- und Forstwirtschaft. Und so kriegten die Akademie-Institute unter Rübensam im Laufe der Jahre klar die Aufgabe, wissenschaftlichen Vorlauf für die Einführung industriemäßiger Produktionsverfahren in der Praxis der Land- und Forstwirtschaft der DDR zu schaffen. Das war also letztlich die Aufgabenstellung. Da fiel es auf, dass im Gebiet der Grundmoräne um die Müritz oder Neubrandenburg herum die schönen Sölle und die Ackerhohlformen doch den agrotechnischen Arbeitsablauf auf den Großschlägen (> 100 ha) und mit Großgeräten behindern. Wir sollten also jetzt Vorlauf schaffen für die Reliefmelioration, ein völliger ökologischer und ökonomischer Wahnsinn. Da habe ich Klafs und Jeschke gesagt, sie sollen die Sölle mal sowohl in geohydrologischer und vegetationskundlicher als auch in faunistisch-zoologischer Richtung untersuchen. Dabei sind recht interessante Dinge heraus gekommen. Nun verkaufen sie das mal unter der Fragestellung Reliefmelioration! Wir waren natürlich von Anfang an gegen diese. Das durften wir aber nicht öffentlich sagen. Wir konnten dann aber nachweisen, dass es ökonomisch so teuer ist, dass es sich nicht lohnt.

Die eigentliche Naturschutzforschung lief meist eher nebenher. Das war schwierig. Ich habe damals versucht, dass unser Institut an die Akademie der Wissenschaften angegliedert wird, weg von der Landakademie, weil dort noch Grundlagenforschung betrieben werden konnte. Ich habe gesagt, dass Naturschutzforschung eigentlich echte Grundlagenforschung ist. Die Akademie der Wissenschaften hielt jedoch von Feldforschung wenig. Die Akademie wollte uns gar nicht, und der Minister für Land- und Forstwirtschaft wollte uns eigentlich auch nicht, hat aber gesagt, dass aus seinem Tätigkeitsbereich niemand rauskommt. So sind wir dann bei der DAL geblieben und mussten eben lavieren. Dass trotzdem allerhand herausgekommen ist, ist dem Elan und dem Geschick der Mitarbeiter zu verdanken. Das muss man immer wieder sagen!

Zur Person

geboren 1927 in Pößneck

Studium Geographie/Geologie, Chemie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena; 1953 Promotion

1953 bis 1963 Assistent bis Zweigstellenleiter Jena am Institut für Landesforschung und Naturschutz Halle; 1963 bis 1976 Direktor des Instituts für Landesforschung und Naturschutz Halle; ab 1980 Invalidisierung.

Literatur zum Weiterlesen

Institut für Umweltgeschichte und Regionalentwicklung e.V. (Hg.), Lutz Reichhoff & Uwe Wegener (Bearb.): ILN. Institut für Landschaftsforschung und Naturschutz Halle. Forschungsgeschichte des ersten deutschen Naturschutzinstituts Friedland 2011.